Aktuelles Forschungsprojekt / Current Research Project
EIN FRÜHER ENTWURF EINER PHILOSOPHISCHEN WELTORIENTIERUNG.
KARL ULMER (1915 – 1981), SCHÜLER MARTIN HEIDEGGERS, LEHRER WERNER STEGMAIERS.
EIN BERICHT
Die lebenslangen Bemühungen Karl Ulmers um eine Neugründung der Philosophie verdienen eine umfassende Darstellung. Solange sein Nachlass nicht fachgerecht dokumentiert ist und möglicherweise ediert wird, ist das nur in einem vorläufigen Bericht möglich. Aufgrund meiner langen persönlichen Kenntnis Ulmers als sein jüngster Schüler und meiner Einsicht in den Nachlass, den er mir anvertraute, bin ich am meisten dazu aufgerufen und verpflichtet. ( Nachlass Karl Ulmer / Karl Ulmer’s Posthumous Writings)
Mit der Foundation for Philosophical Orientation, die Mike und Tina Hodges 2019 mit mir und unserem Executive Director Reinhard G. Müller, einem meiner Schüler, auf der Basis meiner Philosophie der Orientierung ins Leben gerufen haben (Inauguration of the Foundation for Philosophical Orientation), entstand ein neues Interesse an der Philosophie Karl Ulmers. Sie bildet so etwas wie eine Brücke zwischen der Philosophie Heideggers des Seins und der Philosophie der Orientierung. Dennoch haben alle drei einen ganz eigenständigen Charakter. Ihre Zugänge sind so unterschiedlich, dass man fast im Sinn Platons von einem doppelten Vatermord sprechen könnte. Die Abfolge zeigt zugleich, wie sich das Philosophieren in den letzten drei Generationen verändert hat. In der Foundation wirkt nun eine vierte Generation, die nicht mehr nur aus der akademischen Philosophie, sondern auch aus anderen Fächern und dem nicht-akademischen Bereich kommt und in Seminaren, Wettbewerben und Meetings die Philosophie der Orientierung auf ihre Weisefortzuführen und sie in eigenen Entwürfen für aktuelle Fragen in den verschiedensten Perspektiven fruchtbar zu machen sucht. Der Bericht wird zunächst in deutscher Sprache im Alber-Verlag Freiburg/München als erster Band einer neuen Reihe Studien zu Heidegger, dann in englischer Übersetzung im Verlag der Foundation for Philosophical Orientation, der Orientations Press, in englischer Sprache erscheinen. (https://www.orientation-philosophy.com/orientations-press/)
Die Übersicht ist aus meiner heutigen Sicht geschrieben. Genaue Quellenangaben sind in Bezug auf den Nachlass noch nicht möglich, solange er noch nicht fachgerecht erschlossen und dokumentiert ist. Hier wird neue Arbeit nötig sein.
Nach dem jetzigen Stand meiner Arbeit wird der Bericht so aufgebaut sein:
I. Karl Ulmers Leben: Bindung an und Lösung von Heidegger. Von Hamburg über Freiburg nach Tübingen und Wien
II. Ulmers Aufgabe in der Philosophie – mit und gegen Heidegger
III. Ulmers philosophische Auseinandersetzung mit Heidegger
- Kontakte und Beurteilungen, aber kein direkter philosophischer Austausch zwischen Heidegger und Ulmer
- Referenzen Ulmers auf Heidegger in seinen Publikationen
- Referenzen Ulmers auf Heidegger im Nachlass
IV. Die Entwicklung von Ulmers Denken unter dem Gesichtspunkt der Orientierung
- Das Projekt einer Philosophie der Orientierung
- Heideggers Anregungen zu einer Philosophie der Orientierung
- Ulmers Vorbereitungen zu einer eigenen Philosophie der Orientierung
3.1. Die Wandlung des Sprachbildes
3.2. Die Dissertation Die Bedeutung der Kopula bei Aristoteles: Klärung des Ortes der Frage nach dem Sein
3.3. Die Habilitationsschrift Wahrheit, Kunst und Natur bei Aristoteles: Umorientierung von der Wahrheit zum Wahrheiten
3.4. Der Aufsatz Die Wandlung des naturwissenschaftlichen Denkens zu Beginn der Neuzeit bei Galilei:
Die Neuorientierung des modernen Denkens in der Wahrnehmung der Philosophie
3.5. „Orientierung über Nietzsche“: Klärung der Bedeutung Nietzsches für die Frage der Neuorientierung der Philosophie
4. Ulmers orientierungsphilosophischer Grundriss Von der Sache der Philosophie
5. Die Tübinger Antrittsvorlesung „Weltorientierung, Bildung und Universität“: Das Schema der Weltbahnen
6. Untersuchungen zur „pragmatischen und spekulativen Weltorientierung“ in den Tübinger Vorlesungen
7. Tübinger Vorträge und Aufsätze (1957-1970)
8. Pragmatische Weltorientierung: Die Philosophie der modernen Lebenswelt (1972)
8.1. Übersicht
8.2. Ausarbeitung des Schemas der Weltbahnen
8.3. Kritiken Jan Patockas und Klaus Hartmanns
V. Ulmers Grundriss einer spekulativen Weltorientierung (87-120)
- Wiener Antrittsvorlesung „Philosophie – gegenwärtig oder vergangen?“ (1971)
- Vorbereitende Entwürfe (1973-1975)
3. Umrisse der spekulativen Weltorientierung
3.1. Zur Humanität in der gegenwärtigen Weltorientierung: „Der Wandel der Vernunft und die Humanität der Zukunft“
3.2. Zum Sinn des Spekulativen
3.3. Zur Stellung des Einzelnen zum spekulativen Weltwissen
3.4. Zu den spekulativen Grundzügen der menschlichen Weltstellung:
Die Ursituation von Freiheit und Sterblichkeit im Spielraum von Sein und Nichts
3.5. Zur Methode der spekulativen Philosophie
3.6. Zu den geschichtlichen „Grundbewegungen der europäischen Philosophie“
3.7. Zur Bedeutung für die Ethik
VI. Zusammenfassung und Ausblick auf die Philosophie der Orientierung
Martin Heidegger zehrte noch von der Zuversicht, die Antwort auf seine Frage nach dem Sinn von Sein, die in Sein und Zeit ausdrücklich Grundzüge der menschlichen Orientierung einschloss, werde im Lauf von Jahrhunderten das Leben der Menschen von Grund auf verändern. Karl Ulmer lebte noch in der Vorstellung einer Notwendigkeit der Philosophie für das menschliche Leben, das Wohlergehen der Gesellschaft und insbesondere ihrer Universitäten. Heute sind wir zurückhaltender und bescheidener geworden und sprechen eher von einem Orientierungsangebot der Philosophie an die Gesellschaft, das ihr helfen kann, die Grundzüge der Realität ohne ideologische Verzerrungen und wohlfeile idealistische Beschönigungen zu sehen. Wir können, das ist heute den meisten klar, uns nur unter bestimmten und gut beschreibbaren Bedingungen in der Welt und über die Welt orientieren, die Welt jedoch nicht, wie sie an sich sein mag, definitiv erkennen. Deshalb ist es umso wichtiger, die Bedingungen und Spielräume unserer Weltorientierung vorurteilslos zu untersuchen. Wir erfahren diese Spielräume als Freiheiten – und als Nötigungen zu eigener Entscheidung, Verantwortung und Verpflichtung. Die Philosophie ist inzwischen nüchterner, freier und vielfältiger, ungebundener und vielleicht sogar anregender geworden. Unsere jetzt so unübersichtlich und unsicher gewordene Zeit könnte sie weiterhin und in neuer Weise nötig haben.
English
AN EARLY DRAFT FOR A NEW PHILOSOPHICAL ORIENTATION IN THE WHOLE OF THE WORLD:
KARL ULMER (1915 – 1981), STUDENT MARTIN HEIDEGGER’S, TEACHER WERNER STEGMAIER’S.
A REPORT
Karl Ulmer’s lifelong efforts to reestablish philosophy deserve a comprehensive presentation. (Karl Ulmer's Posthumous Writings)
Until his posthumous writings has been properly documented and possibly also edited, this is only possible as a preliminary report. Due to my long personal acquaintance with Ulmer as his student and my special insight into the posthumous writings he entrusted to me, I am most committed to provide it. It is an honor for me to do so.
With the Foundation for Philosophical Orientation, which Mike and Tina Hodges founded in 2019 with me together with our Executive Director Reinhard G. Müller, a student of mine, and which works on the basis of my Philosophy of Orientation ( Inauguration of the Foundation for Philosophical Orientation), a new interest in Karl Ulmer's philosophy has emerged. It offers a kind of bridge between Heidegger's philosophy of Being and the philosophy of orientation. Nevertheless, the three of them have a very independent character. Their approaches are so different that one could almost speak of a double patricide in Plato's sense. The sequence also shows how philosophizing has changed over the last three generations. A fourth generation is now active in the Foundation, coming not only from academic philosophy but also from other disciplines and non-academic fields. In seminars, competitions, and meetings, they strive to continue the philosophy of orientation in their own way and apply it fruitfully in their own designs for current issues from a wide variety of perspectives. The report will first be published in German by Alber-Verlag in Freiburg/Munich as the first volume of a new series of Studies on Heidegger, and then in English translation by Orientations Press, the publishing house of the Foundation for Philosophical Orientation (https://www.orientation-philosophy.com/orientations-press/).
The survey is presented from my current perspective. Precise references to the sources are not yet possible as Ulmer’s posthumous writings are not professionally catalogued and documented. There will be a lot of new work necessary.
The report will be structured as follows:
I. Karl Ulmer’s life: Attachment to and detachment from Heidegger. From Hamburg via Freiburg to Tübingen and Vienna
II. Ulmer’s task in philosophy – with and against Heidegger
III. Ulmer's philosophical struggle with Heidegger
IV. The development of Ulmer’s thinking from the perspective of orientation
V. Ulmer’s outline of a speculative world orientation
VI. Summary and Outlook on the Philosophy of Orientation
Martin Heidegger still drew on the confidence that the answer to his question on the meaning of being, which in Being and Timeexplicitly included basics of human orientation, would fundamentally change people’s lives over the course of centuries. Karl Ulmer insisted on the idea that philosophy is indispensible for the human life, the well-being of society and especially for its universities. Today, we have become more reserved and modest. We prefer to speak of philosophy offering society a form of orientation that can help it to see the fundamental features of reality without ideological distortions and superficial idealistic embellishments. To most people, it is clear today that we can only orient ourselves in and about the world under certain well-describable conditions and that we cannot definitively know the world as it is in itself. This makes it all the more important to investigate these conditions and leeways of our orientation in the world. We experience the leeways as kinds of freedom – and as challenging our own decisions, responsibilities, and commitments. In the meantime, philosophy has become more sober, free, and diverse, less constraint and perhaps also more stimulating and inspiring. Our times, which have become so confusing and uncertain, may still need it in new ways.